„Teilhabe durch Mobilität“ bei Menschen mit Querschnittlähmung

Kategorie: Projekte

DRS - Deutscher Rollstuhl-Sportverband

DGUV - Spitzenverband

FIBS führte von 2006-2010 gemeinsam mit dem DRS (Deutschen Rollstuhl Sportverband) im Auftrag des Instituts für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule Köln das von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) geförderte Projekt „Teilhabe durch Mobilität“ durch.

Projektteile

1. Retrospektive Fragebogenerhebung
Im ersten Projektteil wurde eine retrospektive Fragebogenerhebung durchgeführt. Insgesamt wurden rund 1400 ehemalige Patienten angeschrieben. Der eingesetzte Fragebogen umfasste die Bereiche (1) Rollstuhlmobilität im Alltag, (2) Körperliche Aktivität im Alltag, (3) Sport und Freizeit, (4) Körperliches Wohlbefinden, (5) Subjektive Lebensqualität sowie (6) teilhaberelevante Personenangaben (Soziodemografie etc.). In die Auswertung eingeschlossen wurden alle Probanden, die in ihrem Alltag einen Rollstuhl nutzen und eine komplette oder inkomplette Lähmung C5 und tiefer aufwiesen.
2. Entwicklung und Einsatz des AMR-Tests
Der zweite Projektteil beschäftigte sich mit der Entwicklung und Validierung eines Mobilitätstests für Rollstuhlnutzer mit einer Querschnittlähmung, der eine objektive Aussage über die Mobilität liefert. Im Rahmen des Entwicklungsprozesses wurde deutlich, dass aufgrund funktioneller Unterschiede eine Differenzierung in zwei AMR Versionen für (1) Paraplegiker (Läsionshöhe TH1 und tiefer) und (2) Tetraplegiker (Läsionshöhen C5 bis C8) sinnvoll ist. Es erfolgte für beide Versionen eine Überprüfung der Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) sowie für die Paraplegie-Version eine Überprüfung der Messqualität der ordinalskalierten Skalen mittels Raschanalyse. Für die Paraplegiker liegt bereits eine Endversion mit insgesamt 17 Items, für die Tetraplegiker bisher eine Beta-Version mit 16 Items vor. Die Items decken die Alltagsanforderungen Fortbewegung, Hindernis- und Steigungsbewältigung und Transportmittelnutzung ab. Die Bewertung erfolgt qualitativ anhand von 5 definierten Fähigkeitslevel oder quantitativ anhand von Zeitmessungen.

Weitere Informationen zum AMR-Test erhalten Sie durch unser Video (unten) oder unter scheuer@fi-bs.de.

3. Längsschnitt- und Querschnittstudie
Im Rahmen einer Längsschnittuntersuchung wurden Patienten innerhalb der letzten Woche ihrer stationären Erstbehandlung und zu einem Re-Testzeitpunkt 11-13 Monate nach Entlassung mit Hilfe des AMR getestet und gebeten einen Fragebogen auszufüllen. Ergänzend wurde eine Querschnittstudie durchgeführt, die Personen einschloss, deren Eintritt der Querschnittlähmung mindestens 3 Jahren zurücklag.

 

 

Ergebnisse und Schlussfolgerungen des Projektes

Eine gute Rollstuhlmobilität ist als grundsätzliche Voraussetzung für jegliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu sehen. Weiter führt die Integration der Menschen mit einer Querschnittlähmung in das Berufsleben, in Freizeitbereiche und sportliche Aktivitäten zur einer subjektiv empfundenen höheren Lebensqualität. Die über alle Projektteile untersuchten Kernfaktoren und Zusammenhänge sind deshalb folgendermaßen darstellbar:

Abbildung: Untersuchte Kernfaktoren zur Teilhabe durch Mobilität.

Abbildung: Untersuchte Kernfaktoren zur Teilhabe durch Mobilität.

Praktische Konsequenzen

Für die Umsetzung in der Praxis müssen in Zukunft folgende Ziele verfolgt werden, um eine langfristige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und positive Effekte auf die Lebensqualität von Menschen mit einer Querschnittlähmung zu sichern:

  • Intensivierung des Mobilitäts- und Selbstständigkeitstrainings während der Erstrehabilitation und insbesondere auch in der Nachsorge nach Klinikentlassung
  • Förderung individueller Neigungen und Vermittlung von Anlaufstellen im Bereich Rehabilitations- oder Vereinssport außerhalb der Klinik
  • Schaffung ausreichender individueller und wohnortnaher Mobilitätstrainingskurse und Sportangebote in der Nachsorge

Transfer-Workshop

Im Rahmen eines Workshops rund um das Thema „Bewegung und Mobilität im Rollstuhl“ im Februar 2011 am BUK Hamburg wurden die Ergebnisse des Projektes vorgestellt und bezüglich praktischer Konsequenzen diskutiert. Die Kernergebnisse des Workshops entnehmen Sie der Dokumentation.

Ausgewählte Veröffentlichungen finden Sie hier.
1. Scheuer, T., Anneken, V., Thietje, R., Richarz, P., Wirtz, M. (2011). Überprüfung der Messqualität des Aktivitätstests zur Mobilität im Rollstuhl (AMR) bei erworbener Paraplegie anhand einer Raschanalyse. In: Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg.), 20. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium. Nachhaltigkeit durch Vernetzung vom 14. bis 16. März 2011 in Bochum (DRV-Schriften Band 93), S. 92-93.

2. Anneken, V., Hanssen-Doose, A., Hirschfeld, S., Scheuer, T., Thietje, R. (2010). Influence of physical exercise on quality of life in individuals with spinal cord injury. Spinal cord, 48(5), 393-399. Link: Download als PDF

3. Scheuer, T., Anneken, V., Richarz, P., Hirschfeld, S., Hanssen-Doose, A., Thietje, R. (2010). Rollstuhlsport. Beitrag zu einer höheren Lebensqualität bei Menschen mit Querschnittlähmung. Trauma und Berufskrankheit, 12(3), 197-202.

4. Scheuer, T., Anneken, V. (2010). Lebensqualität bei Querschnittlähmung. Der Einfluss von Bewegung und Sport. F.I.T. Das Wissenschaftsmagazin der Deutschen Sporthochschule Köln, 1, 24-29.

5. Anneken, V. (2010): Bewegung und Sport in der Rehabilitation bei Querschnittlähmung. Rehabilitation zwischen Tradition und Innovation, Schliehe F / Schmidt-Ohlemann M (Hrsg.), Interdisziplinäre Schriften zur Rehabilitation Band 17, Stuttgart: Gentner Verlag, 143-147.

6. Scheuer, T., Anneken, V., Hirschfeld, S., Richarz, P., Thietje, R. (2009). Sport bei Menschen mit Querschnittlähmung. B&G Bewegungstherapie und Gesundheitssport –Prävention, Sporttherapie und Rehabilitation in Wissenschaft und Praxis, 25(5), 195-201.

7. Scheuer, T., Anneken, V., Hirschfeld, S., Richarz, P., Thietje, R. (2009). Zusammenhang von beruflicher Teilhabe, Rollstuhlmobilität und sportlicher Aktivität bei erworbener Tetraplegie. Vortrag 22. Jahrestagung Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegie (DMGP), 13.-16.05.2009, Halle/Saale.

8. Anneken, V., Scheuer, T. , Hirschfeld, S. , Richarz, P. (2009). Factors determining the self-assessed wheelchair mobility in individuals with spinal cord injury. Posterpräsentation 4th International State-of-the-Art Congress Rehabilitation: Mobility, Exercise & Sports, 07.-09.04.2009, Amsterdam. “Link zum Poster”

9. Scheuer, T. (2009). Mit Sport und Mobilitätstraining zu mehr Lebensqualität bei Paraplegie. Informationsschrift des Deutschen Rollstuhlsportverbandes e. V. Sport + Mobilität im Rollstuhl, 28(3), 16.

10. Anneken, V., Richarz, P., von Reth, A., Schüle, K. (2008). Aktivitätstest zur Mobilität im Rollstuhl (AMR). Ein Assessmentverfahren zur Qualitätssicherung bewegungstherapeutischer Maßnahmen in der Rehabilitation bei erworbener Querschnittlähmung. Vortrag 21. Jahrestagung Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegie (DMGP), 21.-24.05.2008, Rostock.

11. Anneken, V., Scheuer, T., Hirschfeld, S., Richarz, P., Schüle, K. (2008). Zum Einfluss von sportlicher Aktivität auf die Lebensqualität von Menschen mit traumatischer Querschnittlähmung. Vortrag 21. Jahrestagung Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegie (DMGP), 21.-24.05.2008, Rostock.

 

Ansprechpartnerin:
Tanja Bungter
bungter@fi-bs.de

Autor FiBS gGmbh | Veröffentlicht am 10. Juni 2014 | Kategorie: Projekte